#52 - Miguel Herz-Kestranek

Shownotes

Hörgespräche: Sinnvolles aus dem Leben – Wöchentliche Interviews mit bewegenden Persönlichkeiten. Mehr dazu auf https://hoerenbewegt.at​​​

Gast: Miguel Herz-Kestranek Moderation: Carola Gausterer

Inhalt der Sendung: Im Hörgespräch treffen wir auf eine Stimme, die man nicht überhören kann: Miguel Herz-Kestranek. Schauspieler, Sprecher, Autor - und jemand, der beim Soundcheck genauer hinhört als manch Tonmeister. Er erzählt, warum er mit seiner Stimme erst spät zufrieden war und was beim Schauspiel über den Text hinaus entscheidend ist: echtes Zuhören.

Untrennbar mit Kestranek verbunden ist wohl Arthur Schnitzler, den er vielfach gelesen und gespielt hat - ein Meister der Zwischentöne, der nur funktioniert, wenn man ihm wirklich zuhört. Herz-Kestranek spricht auch über Exil als wichtigen Teil seiner Familiengeschichte und über Zurücklassung dessen, was einen ausmacht.

Ein eindrucksvolles Gespräch über Stimme, Resonanz und das, was zwischen den Worten liegt.

Über HÖREN BEWEGT: Alles um uns ist Kultur. Sie bedeutet die Gestaltung des Zusammenlebens, Traditionen, Geschichte Politik sowie den künstlerischen Ausdruck einer Gesellschaft. Die Pflege und Entwicklung jeglicher Form von Kultur erfordert zwischenmenschlichen Austausch. Welche entscheidende Rolle ein intaktes Gehör dabei zukommt, zeigt die Initiative HÖREN BEWEGT. Themen und Events zu Leben, Kunst, Bildung und vielem mehr lassen Sie eintauchen in die spannende und wunderbare Welt des Hörens! Mehr zur Initiative HÖREN BEWEGT auf https://hoerenbewegt.at​​​

Über MED-EL: MED-EL Medical Electronics, führender Hersteller von implantierbaren Hörlösungen, hat es sich zum vorrangigen Ziel gesetzt, Hörverlust als Kommunikationsbarriere zu überwinden. Das österreichische Familienunternehmen wurde von den Branchenpionieren Ingeborg und Erwin Hochmair gegründet, deren richtungsweisende Forschung zur Entwicklung des ersten mikroelektronischen, mehrkanaligen Cochlea-Implantats (CI) führte, das 1977 implantiert wurde und die Basis für das moderne CI von heute bildet. Damit war der Grundstein für das erfolgreiche Unternehmen gelegt, das 1990 die ersten Mitarbeiter aufnahm. Heute beschäftigt MED-EL weltweit mehr als 2200 Personen aus ca. 75 Nationen in 30 Niederlassungen. Das Unternehmen bietet die größte Produktpalette an implantierbaren und implantationsfreien Lösungen zur Behandlung aller Arten von Hörverlust; Über 200.000 Menschen in 124 Ländern hören mithilfe eines Produkts von MED-EL.
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Transkript anzeigen

00:00:00: Welche Rolle spielt denn gutes Hören für einen Schauspieler?

00:00:04: Jetzt gerade mit Publikum und Kollegen, Kolleginnen.

00:00:08: Na ja, das spielt die Rolle, dass man …

00:00:13: Man muss ja nicht nur hören, sondern man hört ja, wenn man gut hört,

00:00:19: die Millionen Zwischentöne des Kollegen.

00:00:24: Und wenn man sensibel ist, weiß man: Was meint er an dem Abend?

00:00:29: Was meint er jetzt in dem Augenblick?

00:00:32: Über den Text hinaus, über das Geübte hinaus.

00:00:36: Das sind ja dann die … Ich sage immer, 80 % muss immer sein.

00:00:40: Aber die 20 bis zu 100,

00:00:43: die entscheidet man je nach Abend, ob es geht oder nicht.

00:00:48: Und wenn man gut hört und der auch gut hört,

00:00:51: entsteht was.

00:00:53: Und wenn man ins Publikum gut hineinhört,

00:00:55: entsteht auch was.

00:00:57: Und subtil Hören ist schon was Schönes.

00:01:12: Hörgespräche.

00:01:14: Sinnvolles aus dem Leben.

00:01:21: Herzlich willkommen bei den Hörgesprächen – Sinnvolles aus dem Leben.

00:01:24: Schön, dass Sie wieder mit dabei sind,

00:01:25: und Sie werden heute große Ohren bekommen,

00:01:28: denn heute haben wir einen ganz besonderen Gast eingeladen,

00:01:30: einen österreichischen Schauspieler mit einer sehr markanten, sonoren Stimme.

00:01:36: Wenn man dem zuhört, dann kriegt man richtig Gänsehaut.

00:01:39: Sie werden es sehen, Sie werden es erleben.

00:01:41: Spitzen Sie Ihre Ohren.

00:01:42: Es geht heute um Schauspieler, Autor und Sprecher –

00:01:46: freue mich sehr, dass er da ist – Miguel Herz-Kestranek.

00:01:48: -Schön, dass Sie da sind. -Grüß Gott.

00:01:50: Bei uns geht’s ja um das Thema Hören.

00:01:52: Sie haben ja schon ein bisschen hineingehört in unsere Podcast-Reihe.

00:01:57: Was bedeutet Hören für Sie?

00:02:00: Ja, Hören. Hören ist wichtig, ja.

00:02:03: Hören findet ja im Kopf statt.

00:02:06: Die Ohren sind ja nur der Transporter.

00:02:09: Das ist ja nur das mechanische Gerät, damit es überhaupt raufkommt.

00:02:15: Hören ist interessant, weil …

00:02:20: Wenn man sich ein bisschen beschäftigt,

00:02:22: zum Beispiel das selektive Hören ist ja heute,

00:02:26: würde ich sagen, wirklich ein Problem.

00:02:28: Man hört nicht mehr zu.

00:02:33: Die Leute lesen auch nicht mehr.

00:02:38: Ich meine: Sie lesen, aber sie überlesen.

00:02:42: Weil wenn man zuhören würde, würde anders gewählt werden zum Beispiel.

00:02:47: Nicht?

00:02:49: Wenn man zuhören würde, würde vieles nicht geschehen,

00:02:53: weil es ja eh gesagt wird.

00:02:55: Nur man hört es nicht mehr.

00:02:57: Und jetzt rein vom mechanischen Hören:

00:02:59: Ja, ist wichtig.

00:03:01: Im Beruf war es wichtig, wenn ich subtil sein wollte.

00:03:08: Ja, da gibt’s schon sehr viele Variationen,

00:03:10: die man da machen kann,

00:03:12: und das muss man aber sehr gut im Zusammenhang mit dem Hören machen.

00:03:17: Soundcheck war immer sehr …

00:03:22: Habe ich immer großen Wert drauf gelegt.

00:03:24: Da habe ich gehört, hat man mir geflüstert,

00:03:26: dass Sie da ein Perfektionist sind.

00:03:29: Dass Sie das perfekt haben wollten, wenn Sie auf der Bühne waren.

00:03:32: Lesungen, Theater, egal.

00:03:35: Perfekt ist nicht der Anspruch.

00:03:38: Es muss so gut wie es geht sein, nicht?

00:03:41: Das ist der Job.

00:03:45: Dafür kriege ich Geld, damit es das Beste wird,

00:03:48: was ich halt kann.

00:03:49: Ich habe zum Beispiel in Innsbruck, wie ich Musical gesungen habe …

00:03:53: Das ist ein Riesentheater, glaubt man gar nicht.

00:03:57: Die haben die Lautsprecher rechts und links in den Bühnenportalen.

00:04:02: Das ist natürlich die Hölle, weil das ist keine Delay Line.

00:04:07: Die müssten ja in den Logen und überall noch Lautsprecher haben,

00:04:11: die das und so weiter …

00:04:12: Das haben sie nicht, sondern die sind so:

00:04:15: Patsch, ist es da drin.

00:04:17: Und man hat das Mikro und das wird auf eine Frequenz eingestellt

00:04:23: und das ist es.

00:04:24: Und wenn man dann 20-mal gespielt hat, dann weiß der oben an den Reglern:

00:04:28: Da muss ich ein bisschen zurück,

00:04:30: weil der versucht, ein bisschen leiser zu sein.

00:04:32: Aber das ist natürlich ein sehr …

00:04:35: Jetzt nichts gegen Innsbruck, das war toll.

00:04:37: Aber das ist eine sehr schwierige Sache, da an den Reglern zu arbeiten

00:04:45: und das wirklich perfekt hinzukriegen.

00:04:47: Wenn man große Popstars anschaut oder große …

00:04:50: Vielleicht bei Chansonniers merkt man es mehr,

00:04:53: beim Herman van Veen zum Beispiel.

00:04:56: Wenn der in Wien war,

00:04:58: dann hatte er ein Riesen-Mischpult.

00:05:02: War in der Mitte vom Konzerthaus.

00:05:05: Und da saßen zwei, drei Leute, die nur für ihn da waren,

00:05:08: und die anderen waren fürs Orchester.

00:05:10: Weil die ganz genau gewusst hatten, wenn der gesagt hat:

00:05:14: „Und ich schwöre.“

00:05:18: Dann haben die so gemacht.

00:05:20: Ich habe das oft beobachtet und so mit einem Auge zu ihm,

00:05:23: anderen auf die Regler.

00:05:25: Und da haben die ganz subtil, obwohl der eh da am Mikro war.

00:05:33: Wenn man das mag, dann ist Hören schon toll, nicht?

00:05:39: Jetzt im Alter

00:05:43: stört mich Lärm noch mehr als früher.

00:05:45: Jetzt höre ich ihn schon schlechter, Gott sei Dank, aber:

00:05:49: Lärm zum Beispiel ist was Furchtbares.

00:05:51: Mmh.

00:05:55: Ich wohne am See

00:05:57: und manchmal fahren Elektroboote am See

00:06:01: mit irgend so einem Gerät

00:06:04: und da hört man nur die Bässe,

00:06:06: weil man ja die Melodie nicht hört,

00:06:09: aber ich bin zu Hause und ich höre umpf-umpf-umpf-umpf-umpf.

00:06:15: Den halben Tag.

00:06:17: Das ist Hören.

00:06:19: Wenn man es hört.

00:06:20: Die Jugend will dauernd beschallt sein.

00:06:22: Das hat sich schon auch verändert, nicht? Das werden Sie sicher auch-

00:06:25: Es gibt einen Verein …

00:06:28: Der Brendel, glaube ich, hat den gegründet.

00:06:30: Der arme Brendel, der schon gestorben ist, der Pianist.

00:06:34: Verein gegen Pipe Music.

00:06:38: Also gegen die ununterbrochene Beschallung im Kaufhaus, im Kaffeehaus.

00:06:44: Es ist das Treu am Platzl, das ist da, wo ich wohne,

00:06:47: Maria Treu im achten Bezirk.

00:06:49: Das heißt jetzt Treu am Platzl.

00:06:51: War früher Maria Treu Kaffeehaus.

00:06:53: Da ist jetzt Beschallung.

00:06:56: Und wie ich das erste Mal drin war,

00:06:58: war ich allein oder irgendwo ist noch einer gesessen.

00:07:00: Sage ich: „Könnt ihr das ein bisschen leiser machen?“

00:07:02: Sagen sie: „Was?“

00:07:03: Sage ich: „Na, das, was da jetzt ist.“

00:07:07: „Ach so, das hören wir gar nicht.“

00:07:09: Wenn ich im Training bin, im Studio –

00:07:14: und ich gehe meistens sehr früh –,

00:07:16: da ist je nach Laune dessen, der das beschallt:

00:07:20: umpf-umpf-umpf-umpf.

00:07:23: Und ich sage: „Könnt ihr das ein bisschen leiser machen?“

00:07:26: „Was?“

00:07:27: Sage ich: „Na, diese wahnsinnigen Bässe.“

00:07:30: „Ach so, das haben wir gar nicht gehört.“

00:07:32: -Ja. -Das ist ein Phänomen, nicht?

00:07:34: Weil man es schon gewohnt ist- [übersprechen 00:07:35]

00:07:35: -Die hören das nicht mehr. -Ja, genau.

00:07:37: Aber noch mal zurückzukommen auf Ihre persönliche Hörgeschichte,

00:07:40: weil Sie sagen, Hörapparat haben Sie.

00:07:42: Was ist passiert mit den Ohren?

00:07:43: Ist es nur eine Alterserscheinung oder …?

00:07:45: Ist eine Alterserscheinung, ja.

00:07:47: Am linken Ohr war es eine Alterserscheinung

00:07:49: und das rechte ist ein bisschen besser.

00:07:51: Ich höre ohne Hörgeräte auch,

00:07:53: aber sie unterstützen halt

00:07:58: und es haut nicht hin. Ja, ist so.

00:08:00: Ich dachte nämlich, dass es Morbus Menière ist,

00:08:03: diese Innenohrerkrankung.

00:08:05: Das habe ich auch, ja. Das hat damit zu tun, ja.

00:08:08: Also das Innenohr betroffen einfach.

00:08:11: Und dass man so Drehschwindel auch bekommt.

00:08:14: Ja.

00:08:16: Aber da ist aus, da ist gar nichts mehr möglich.

00:08:19: Morbus Menière, wenn man einen Anfall hat …

00:08:21: Ich meine, das ist jetzt ein bisschen fad, über Krankheiten reden,

00:08:23: aber wenn man einen Morbus-Menière-Anfall hat,

00:08:27: also wenn ich den jetzt hier hätte,

00:08:29: das geht innerhalb von ein, zwei, drei Minuten.

00:08:33: Was ist da?

00:08:34: Dann muss ich mich da herlegen

00:08:37: und dann bin ich unansprechbar

00:08:39: und es ist mir so schlecht, dass ich sage: „Lieber Gott, lass mich sterben.“

00:08:44: So stark ist der Schmerz?

00:08:45: Es hat keinen Sinn mehr, so weiterzuleben.

00:08:47: -Ausgehend vom Innenohr? -Ja.

00:08:50: Ist das dieser Drehschwindel?

00:08:52: Der Schwindel ist so stark,

00:08:55: ich kann da gar nicht mehr runter.

00:08:56: Sie müssen mich da runterlegen.

00:08:58: Ich sage: „Bitte legen Sie mich hin.“

00:09:00: Und dann liege ich da sieben Stunden und dann wird es besser.

00:09:03: Vor wie vielen Jahren ist das aufgetaucht?

00:09:04: -Wann war das- -Vor ein paar Jahren.

00:09:06: Wann war das das erste Mal?

00:09:07: Das weiß ich nicht. Drei, vier Jahre.

00:09:10: Und dazu kommt jetzt noch-

00:09:12: Es ist so wie ganz, ganz, ganz starke Seekrankheit.

00:09:15: Ja, das hatte ich mal. Ich weiß, wie das ist.

00:09:17: -Waren Sie mal so richtig seekrank? -Ja.

00:09:20: Aber nicht so: „Ich muss speiben.“ Nein, so-

00:09:22: -Nein, nein. -Das ist schrecklich.

00:09:23: [übersprechen 00:09:24] Die Leute springen über die Reling.

00:09:26: Wirklich seekranke Leute muss man anbinden, die springen rein.

00:09:29: Die sagen: „Ich halte es nicht mehr aus.“

00:09:31: Und Sie sind einer, der sehr gerne segelt und oft auf See ist.

00:09:34: -Beim Segeln [übersprechen 00:09:35] nicht. -Zumindest am See.

00:09:36: Am Meer schon, weil da geht’s ja …

00:09:38: -Am See nicht, nein. -Das ist ganz ruhig.

00:09:40: Ruhig ist er nicht, aber das ist wurscht.

00:09:44: Tun wir weiter. Sie gelten als eine der markantesten Stimmen Österreichs.

00:09:49: Man hat Sie im Ohr.

00:09:51: Jeder hat von Ihnen schon mal …

00:09:53: Ja, aber auch vor kurzem erst auf Spotify habe ich Arthur Schnitzler-

00:09:58: Und ich wusste nicht, was Spotify ist.

00:10:00: Haben wir jetzt schon geklärt, was Spotify ist.

00:10:02: Aber auch auf Apple Music, um alle zu nennen.

00:10:04: Auf allen Plattformen hört man, wenn man eingibt „Miguel Herz-Kestranek“,

00:10:10: hört man unter anderem Arthur Schnitzler, den Lieutenant Gustl.

00:10:14: -Oder die Seegurke. -Ja.

00:10:17: Wo Sie wie viele Stimmen gesprochen haben?

00:10:19: -Ich glaube, drei oder vier. -Drei oder vier.

00:10:21: -Meine Kinder hören die Geschichte noch. -Ich finde die entzückend.

00:10:23: Ja, die ist wirklich entzückend.

00:10:25: Wie heißt es genau? Die Seegurke …?

00:10:27: -Gusti die Seegurke. -Gusti die Seegurke.

00:10:29: Alles ein bisschen mit Gustl.

00:10:30: Das hat eine Bekannte von mir gemacht,

00:10:34: die hat das geschrieben

00:10:35: und hat es auch aufgenommen mit irgendwem

00:10:37: und hat ein paar Leute gefragt, ob sie ihnen das macht.

00:10:43: War ich dabei, ja.

00:10:45: Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt,

00:10:46: dass Ihre Stimme etwas Besonderes ist, dass sie anders ist?

00:10:50: Sehr spät,

00:10:51: weil ich habe es gerade vorher erzählt:

00:10:53: Ich hatte keine gute Stimme.

00:10:55: Ich habe eine ganz nette Stimme gehabt,

00:10:57: aber andere haben vielleicht gehört, da wäre vielleicht was drin.

00:11:02: Aber es war nichts.

00:11:06: Ich habe gerade vorher gesagt, ich glaube,

00:11:07: 20 oder 25 Jahre habe ich sehr gelitten darunter,

00:11:11: dass ich mit meiner Stimme nicht ausdrücken kann, was ich will.

00:11:17: Sie war flach, dünn,

00:11:20: immer so ein bisschen gleich.

00:11:22: Hat ganz nett geklungen, aber war nichts.

00:11:26: Es gibt eine Aufnahme vom Schüler Gerber.

00:11:30: Die ist uralt.

00:11:32: Die habe ich einmal gehört vor ein paar Jahren.

00:11:35: Würde ich am liebsten sperren lassen.

00:11:38: So unzufrieden?

00:11:39: Ja, aber gar nicht jetzt kokett, sondern es war einfach nicht gut.

00:11:44: Wie alt waren Sie damals?

00:11:46: Das ging sicher bis 35, 40 fast.

00:11:50: Was ist dann passiert?

00:11:51: War das nach dem Max-Reinhardt-Seminar, das Sie ja abgeschlossen haben?

00:11:57: Ja, das ging lang, lang, lang.

00:12:01: Sicher bis 45, würde ich sagen.

00:12:03: Dann begann durch die vielen, vielen Soloabende,

00:12:06: durch die Chanson-Abende und so …

00:12:08: Und letztlich dann durchs Singen

00:12:13: hat sich es ein bisschen gebessert

00:12:14: und dann konnte ich ein bisschen mehr mit der Stimme machen.

00:12:18: Und jetzt

00:12:21: ist es so, wie ich es mir eigentlich immer vorgestellt hätte.

00:12:24: Sie waren so breit aufgestellt.

00:12:26: Von der Bühne, Lesungen, Musical haben Sie erzählt, Chansons.

00:12:31: Dann waren Hörbücher, die Sie vertont haben.

00:12:34: Ich habe viele CDs gemacht, ja.

00:12:36: Dann auch Werbung für Red Bull, das wusste ich zum Beispiel auch nicht.

00:12:39: Also wirklich breit aufgestellt.

00:12:40: Mit dem Götz Kauffmann war ich der Erste …

00:12:44: Wir waren die ersten Werbesprecher von Red Bull.

00:12:47: Und die Spots haben wir alle noch im Kopf.

00:12:49: Ich kannte den Mateschitz, weil der war in Mondsee damals,

00:12:53: ich in St. Gilgen.

00:12:55: Und ich habe die ersten Spots mit dem Götz quasi entwickelt.

00:13:00: Das war ganz lustig.

00:13:03: Da war also der Slogan „Red Bull verleiht Flügel“.

00:13:07: Und da haben wir gesagt: „Ja, aber Red Bull verleiht Flügel …

00:13:10: Ja, na ja.“

00:13:12: Und da hat irgendwer gesagt: „Flüüügel.“

00:13:14: Das ist gut, das machen wir.

00:13:16: Und dann haben wir das geübt: „Red Bull verleiht Flü…“

00:13:18: Das ist ja heute nicht mehr. „Flüüügel.“

00:13:20: Und dann war zum Beispiel ein Spot, kann ich mich erinnern:

00:13:28: Die Stewardess sagt zum Kapitän:

00:13:33: „Wir stürzen ab, wir stürzen ab.“

00:13:35: Und der Kapitän sagt: „Keine Sorge, Red Bull …“

00:13:37: So irgendwie.

00:13:39: Und dann haben wir gesagt: „Na ja, das ist ganz lustig,

00:13:41: aber was können wir machen?

00:13:43: Machen wir es auf Schwizerdütsch.“

00:13:46: Und dann war, ich glaube, ich die Stewardess:

00:13:48: „Ja, wir stürzen ab, wir müssen etwas machen.“

00:13:51: Und da hat der Götz gesagt: „Ja, Red Bull verleiht Flügel.“

00:13:54: So haben wir das im Studio entwickelt.

00:13:56: Und der Mateschitz immer daneben gesessen mit einem Werbemann,

00:13:59: der immer noch die Werbung dort macht, neben vielen anderen.

00:14:04: -Und so haben wir das damals entwickelt. -Lustig.

00:14:07: Also eine lustige Erinnerung, gell?

00:14:08: Ja, aber das ist ja 100 Jahre her.

00:14:11: Wie wurde im Reinhardt-Seminar damals

00:14:13: über Stimme und Artikulation und Hörbarkeit gesprochen?

00:14:16: War sehr streng, sehr strenger …

00:14:18: -Sehr streng. -Guter Unterricht. Toller Unterricht.

00:14:21: Es gab zwei Professoren.

00:14:25: Ich wollte immer nur zum einen.

00:14:30: Und man musste immer wechseln,

00:14:32: ein Jahr bei dem, ein Jahr bei dem.

00:14:33: Ich war nur zwei Jahre, glaube ich, am Seminar

00:14:37: und wurde dann wegen dringender Begabung vorversetzt

00:14:40: und quasi ausgemustert.

00:14:45: Und ich habe dann gesagt: „Okay, wenn der den will,

00:14:47: dann soll der bei ihm bleiben und dafür bleibe ich beim anderen.“

00:14:51: Und so musste ich nie zu dem, zu dem ich nicht wollte.

00:14:54: Nein, wir hatten da einen sehr guten Unterricht,

00:14:57: muss ich sagen. War toll.

00:14:59: Prägend für die Zukunft?

00:15:02: Ja.

00:15:03: Für heute völlig wurscht, weil es nicht mehr verlangt wird.

00:15:06: Das stimmt wirklich, ja.

00:15:08: Sie haben auch einen Verwandten, der im Reinhardt-Seminar war.

00:15:12: Es gab einen Verwandten, der war Sprech- und Schauspiellehrer.

00:15:15: -Genau. -Bei dem war von Curd Jürgens bis …

00:15:17: Der hat der Pluhar die Stimme runtergedrückt.

00:15:19: -Wirklich? -Ja.

00:15:21: Wenn Sie alte Filme von der jungen Pluhar …

00:15:23: Die hatte eine ganz normale Stimme wie jede andere Frau.

00:15:26: Und er hat gesagt – das war so ein älterer Herr mit Fistelstimme,

00:15:29: der hatte nur ein Stimmband, war aber Sprechlehrer –

00:15:31: hat gesagt:

00:15:32: „Irgendwie, Erika, ich glaube, Sie haben eine andere Stimmlage.“

00:15:37: Und sie: „Ich weiß nicht.“

00:15:39: „Versuchen wir es mal hinunter, hinunter.“

00:15:42: Und so wurde es diese Pluhar-Stimme.

00:15:44: Die großartig ist, ich liebe sie für diese Stimme.

00:15:47: Die ist auch wirklich großartig.

00:15:48: Das war der Auslöser, dass die Stimme …?

00:15:51: Der Häussermann, sagt Ihnen das noch was?

00:15:53: -Nein. -Nein?

00:15:55: Na, dann erzähle ich diese Anekdote gar nicht.

00:15:57: -Ist sie gut? -Nein.

00:16:01: Das heißt, Ihr Verwandter …

00:16:02: Haben Sie da Berührungspunkte gehabt am Reinhardt-Seminar?

00:16:05: Der war dort nicht. Der war lange schon nicht.

00:16:08: Okay. [übersprechen 00:16:09]

00:16:10: Als er dann schon nur mehr privat war, bin ich auch nicht zu ihm gegangen,

00:16:14: weil ich war und bin bis heute fanatisch,

00:16:19: dass ich jede Protektion, jede Verbindung,

00:16:23: alles fanatisch abgelehnt habe.

00:16:25: Ich wollte das nie, nie, nie, nie.

00:16:27: Sehr untypisch für einen Wiener.

00:16:29: Ja.

00:16:31: Es ist auch ziemlich viel dafür schiefgegangen,

00:16:35: weil ich einfach es nicht will.

00:16:38: Sie spielen seit Jahrzehnten auf den großen Bühnen.

00:16:40: Wir haben eh schon ein paar angesprochen.

00:16:41: Welche Rolle spielt denn gutes Hören für einen Schauspieler?

00:16:46: Jetzt gerade mit Publikum und Kollegen, Kolleginnen.

00:16:50: Na ja, das spielt die Rolle, dass man …

00:16:55: Man muss ja nicht nur hören, sondern man hört ja, wenn man gut hört,

00:17:01: die Millionen Zwischentöne des Kollegen.

00:17:06: Und wenn man sensibel ist, weiß man: Was meint er an dem Abend?

00:17:11: Was meint er jetzt in dem Augenblick?

00:17:14: Über den Text hinaus, über das Geübte hinaus.

00:17:18: Das sind ja dann die …

00:17:19: Ich sage immer, 80 % muss immer sein.

00:17:22: Aber die 20 bis zu 100,

00:17:25: die entscheidet man je nach Abend, ob es geht oder nicht.

00:17:30: Und wenn man gut hört und der auch gut hört,

00:17:33: entsteht was.

00:17:35: Und wenn man ins Publikum gut hineinhört,

00:17:37: entsteht auch was.

00:17:39: Und subtil Hören ist schon was Schönes.

00:17:43: Auch wenn man …

00:17:45: Ich habe sehr viel auch Musik –

00:17:49: ich sage immer – arrangiert,

00:17:50: weil ich den Musikern gesagt habe:

00:17:52: „Pass auf, ich möchte das so und da sollte eine Trompete hinein.“ Und so.

00:17:55: Und wenn man das gut hört, dann kann man sagen:

00:17:57: „Und da gib ein bisschen mehr.“ Und so.

00:18:01: Ja, Hören ist schon wichtig.

00:18:04: Also kann man auch sagen, ist Hören ein kreatives Werkzeug?

00:18:09: Wenn man es als das benützt, ja.

00:18:11: Klingt danach.

00:18:14: Ja, ich sage immer: Ist der Job.

00:18:19: Viele Menschen unterschätzen das ein bisschen,

00:18:21: dass man dieses Zuhören, besonders auch auf der Bühne …

00:18:24: Wenn man jetzt momentan ins Theater geht oder auch Film ansieht,

00:18:28: dann ist das so ein …

00:18:29: Jeder spricht so seinen Text runter und das war es irgendwie, nicht?

00:18:34: -Ist so. -Ja.

00:18:35: Es hat sich schon sehr viel verändert auf dem Gebiet.

00:18:39: Sie haben jetzt unzählige Lesungen,

00:18:41: Hörfassungen und natürlich auch Soloprogramme gemacht.

00:18:45: Wie unterscheidet sich denn das Arbeiten fürs Ohr von der Arbeit Bühne und Kamera?

00:18:50: Da gibt’s ja auch Unterschiede.

00:18:54: Das Arbeiten fürs Ohr von Bühne und Kamera,

00:18:58: wie meinen Sie das?

00:19:01: Wenn Sie jetzt eine Lesung machen, zum Beispiel Schnitzler gelesen haben.

00:19:06: Da sitzen Sie ja dort und sind alleine auf der Bühne,

00:19:10: reagieren oder agieren auch mit dem Publikum.

00:19:13: -Ja, man hört schon. -Man hört schon und man kann reagieren,

00:19:16: wenn etwas ist.

00:19:18: Das geht ja dann auf der Bühne vielleicht nicht so und beim Fernsehen so gar nicht.

00:19:23: Film.

00:19:24: -Zu reagieren? -Ja.

00:19:27: Oh ja.

00:19:28: Beim Film eher weniger.

00:19:30: Na ja, beim Film kann man sie wiederholen.

00:19:32: Ja, das stimmt, mehrmals. Ja, klar.

00:19:38: Zum Beispiel, ich glaube, es war Lieutenant Gustl im Theater Akzent,

00:19:43: lange her …

00:19:44: Da sind gerade die Handys aufgekommen.

00:19:47: Und Lieutenant Gustl ist ja sehr spannend und sehr ruhig

00:19:52: und die Leute müssen sehr genau da sitzen und das sich anhören.

00:19:56: Und plötzlich hat ein Handy geläutet.

00:19:59: Und das haben natürlich …

00:20:03: Das hat natürlich alle gestört, mich auch.

00:20:07: Und ich habe kurz überlegt, ob ich reagieren soll,

00:20:11: und habe dann gesagt: „Ja? Servus.

00:20:15: Du, nein, ich habe gerade eine Lesung.

00:20:17: Nein, jetzt kann ich gar nicht.

00:20:19: Nein, du … Nein, mit Tomaten möchte ich.

00:20:22: Ja, tu die Tomaten dazu.

00:20:24: Ja. Nein, ist eh gut.

00:20:26: Ja. Du, pfiat di. Ich muss jetzt weitermachen.

00:20:28: Baba, alles Gute, ja.

00:20:30: Und lass die Oma auch grüßen. Baba.“

00:20:33: Und habe weitergemacht.

00:20:34: Und hat der das geschnallt, dass das sein Telefon ist, das da läutet?

00:20:37: Hat er dann irgendwann abgehoben oder auf stumm gestellt?

00:20:40: Ja. Die Leute,

00:20:43: deren Telefon es ist,

00:20:47: wollen es ja nicht zugeben.

00:20:48: -Eh. Ist ja peinlich. -Und machen dann so, nicht?

00:20:51: Und sitzen so da und dann fangen sie so an

00:20:54: und dann findet man den Knopf natürlich nicht.

00:21:00: Die genieren sich furchtbar, wenn es läutet.

00:21:03: Es hat einmal ein Kollege –

00:21:05: ich glaube, es war bei den Festspielen Reichenau

00:21:09: in dem Theater, wo man so im Publikum,

00:21:11: in der Mitte rundherum das Publikum sitzt –,

00:21:14: der ist in die zweite Reihe gegangen,

00:21:16: hat das Handy genommen und hat es gegen die Wand geschmissen.

00:21:18: Okay.

00:21:22: Weiß nicht, ob es nicht der Ofczarek war.

00:21:24: Möchte ihm jetzt … Wenn er es war, große Gratulation.

00:21:28: Es kann auch der Joseph Lorenz gewesen sein.

00:21:30: Ich glaube, einer von den beiden war es.

00:21:32: Ich habe einmal ein andermal, da war ich im MuseumsQuartier,

00:21:36: habe ich da so Sachen veranstaltet.

00:21:38: Und da sind ja 900 Leute, gehen so hinauf, da waren riesige Lautsprecher,

00:21:44: dass man jedes einzelne Ding hört.

00:21:49: Und plötzlich läutet irgendwo oben auch ein Handy in einer ganz ruhigen Sache.

00:21:54: Und ich bin so ganz nahe zum Mikrofon und habe gewusst,

00:22:00: das ist jetzt ein bisschen mit Hall.

00:22:01: Ich sage: „Schämen Sie sich.“

00:22:04: Und das war so …

00:22:07: Durch die ganze …

00:22:08: Und 900 Leute …

00:22:11: Weil die sich natürlich mitgeschämt-

00:22:12: Das ist ja nett. Das ist ja schön.

00:22:15: -Diese Spontanität. -Ja.

00:22:20: Im Grunde stört es mich mittlerweile nicht mehr,

00:22:23: weil man spielt halt drüber, ist wurscht, aber …

00:22:29: Wenn es lang läutet, ist es schon blöd, ja.

00:22:32: Wir haben vorher über Arthur Schnitzlers Lieutenant Gustl schon gesprochen.

00:22:36: Was fordert denn Schnitzlers Sprache Ihrer Stimme ab?

00:22:40: Sie haben auch schon gesagt, das ist alles leise, man muss sich …

00:22:43: Sie und das Mikrofon,

00:22:46: Sie sind ja eins.

00:22:47: Wenn man Ihnen zuhört, man lebt das ja richtig mit,

00:22:50: was in Ihrem Kopf vorgeht.

00:22:54: Wissen Sie, das sogenannte Lesen

00:23:01: ist ja kein Lesen in dem Sinn,

00:23:03: sondern man performt einfach das,

00:23:08: was der Autor wollte oder was man meint, dass er wollte.

00:23:13: Und das ist halt Stimme und Interpretation

00:23:19: und Atem und Pausen und

00:23:23: Modulation und Dynamik und ich weiß nicht, was alles,

00:23:28: und Dialekt.

00:23:32: Im Grunde ist es …

00:23:34: Ich sage immer, es ist eine Können-Sache.

00:23:37: Der ganze Job ist eine Können-Sache, wenn wir jetzt von Schauspielerei reden.

00:23:41: Ich behaupte ja, dass Schauspieler keine Künstler sind,

00:23:44: sondern Könner.

00:23:46: Und da ist die Latte nach oben offen.

00:23:49: Können kann man nie genug.

00:23:51: Ich glaube nicht, dass der Robert De Niro mit zwei Oscars zur

00:23:55: Meryl Streep mit drei Oscars sagt:

00:23:57: „Gestern hast du wieder tolle Kunst gemacht.“

00:24:00: -Sondern die sagen: „You did a good job.“ -Ja.

00:24:04: Und diesen Job kann man sehr gut können.

00:24:08: Man muss schon ein bisschen talentiert sein,

00:24:10: aber es ist ein Können-Job.

00:24:12: Und ein Gespür braucht man auch dafür.

00:24:16: Man kann lernen.

00:24:17: Man kann auch immer weiter lernen

00:24:22: und zuhören.

00:24:25: Aber gerade auch bei diesem Schnitzler, diese Zwischentöne auch,

00:24:29: dass man die so transportiert,

00:24:31: dass das Publikum Lachen, Weinen einfach mitlebt.

00:24:36: Die Paula [unverständlich 00:24:36], die eine fanatische Perfektionistin war,

00:24:42: die hat diese Zwischen… Das mache ich nicht,

00:24:44: aber die hat diese Zwischentöne sich eingeübt.

00:24:50: Ich habe das nicht erlebt, aber man hat es mir erzählt:

00:24:52: Wenn man in der Nebengarderobe war,

00:24:55: hat man gehört:

00:24:57: „Du wirst mir das heute …

00:24:59: Du, du wirst mir das heute nicht … Nein, nicht, nicht, nicht.

00:25:05: Du wirst mir das heute nicht, nicht so, nicht so, nicht so …“

00:25:10: -So hat die das eingeübt. -Die hat das geübt?

00:25:14: Jede Nuance so lange geübt: Jetzt stimmt’s. Für sie.

00:25:18: Bis es ihr gepasst hat.

00:25:19: Gibt so eine berühmte Schnitzler-Sache, wie man immer erzählt,

00:25:24: wo, ich glaube, im weiten Land, da sagt er,

00:25:27: er hat den Liebhaber, den jungen, erschossen oder irgendwas.

00:25:31: Und sie schaut ihn so an und sagt nur: „Aus.“

00:25:35: Und ihr „aus“ ist also so berühmt, nicht?

00:25:38: „Aus.“

00:25:42: Das hat sie wahrscheinlich 100-mal geübt.

00:25:44: „Aus“, okay.

00:25:46: -Muss man auch gut hören können. -Ja.

00:25:49: Warum, glauben Sie, funktioniert Schnitzler gerade übers Ohr so gut?

00:26:02: Weil er der Meister der Zwischentöne ist.

00:26:05: Ich finde seine Stücke nicht so gut, da sind die Erzählungen viel besser.

00:26:10: Wenn man die Erzählungen liest, nur es stumpf für sich liest,

00:26:14: das ist ein Erlebnis.

00:26:17: Wenn man es dann vorliest, wenn man es kann, auch, aber …

00:26:21: Weil er eben so dieses Dazwischen …

00:26:23: Aber auch der Rhythmus, oder?

00:26:27: Kann sein, ja.

00:26:31: Vielleicht, weil man sich gut reindenken kann in die Leute, die er so skizziert.

00:26:35: Ja.

00:26:37: Ich glaube, in Frankfurt funktioniert das ja gar nicht.

00:26:41: -Nein, das ist eine österreichische- -Da ist schon eine sehr …

00:26:45: Ich glaube, in Salzburg funktioniert es schon nicht.

00:26:47: -Wirklich? -Ja.

00:26:49: Das ist dem Salzburger ganz fremd.

00:26:51: Tiroler weiß gar nicht, von was die Rede ist.

00:26:54: Na gut, und in Vorarlberg brauchen wir wahrscheinlich-

00:26:56: Und in Vorarlberg, das ist Ausland.

00:26:59: -Was Schnitzler betrifft. -Mmh.

00:27:01: Das ist irgendein Stück,

00:27:03: wo einer die liebt und dann liebt er die andere.

00:27:08: Ist auch nicht anders als Pirandello oder Shakespeare.

00:27:14: Das, glaube ich, ist schon eine Wiener Geschichte, der Schnitzler.

00:27:17: Ja.

00:27:18: Aber gut, Sie sind mit Schnitzler irgendwie verbunden.

00:27:21: [übersprechen 00:27:24] Das war schon Ihr Steckenpferd auch, muss man sagen.

00:27:24: Ja, ich weiß nicht, warum.

00:27:26: Ich habe nicht so viel Schnitzler gemacht.

00:27:28: Aber lustig, dass das hängen bleibt irgendwie auch.

00:27:31: Es bleibt auch hängen, dass ich Josefstadt-Schauspieler bin.

00:27:34: Ich habe eine Dame getroffen,

00:27:38: die sagt mir: „Sie sind mein …“

00:27:39: Ich habe mittlerweile 35 Jahre nicht gespielt in Wien,

00:27:43: damals waren es 20.

00:27:45: Und die sagt: „Sie sind mein Lieblingsschauspieler.

00:27:48: Sie sind mein Liebster an der Josefstadt.

00:27:50: Wissen Sie, ich habe ein Abonnement und ich gebe das nie her.

00:27:54: Nein, weil ich möchte Sie sehen.“

00:27:58: Sage ich: „Aber gnädige Frau,

00:27:59: ich habe schon längere Zeit dort nicht gespielt.“

00:28:03: Sagt sie: „Na geh? Wie lang denn?“

00:28:05: Sage ich nur: „20 Jahre.“

00:28:07: Sagt sie: „Na schauen Sie.

00:28:09: Und ich habe mir unlängst bei der Premiere gedacht:

00:28:11: ‚Wieso spielt er da nicht mit?‘“

00:28:13: „Wieso ist er nicht dabei?“

00:28:16: Aber ist doch nett, solche Begegnungen.

00:28:19: Ja, ist lustig.

00:28:20: Das ist lustig, wie die Wiener meinen, wie es immer noch ist.

00:28:25: -Ja, und 20 Jahre vergehen wie nichts. -Ja.

00:28:29: Sie beschäftigen sich auch –

00:28:31: und da sind Sie auch so ein bisschen einer,

00:28:34: der sagt, wie es war damals auch –

00:28:37: mit Exil, Erinnerungen und so weiter.

00:28:41: Gerade für die Jugend ist das ja auch eine ganz, ganz wichtige Sache,

00:28:47: dass man da auch immer wieder sagt:

00:28:49: „Halt, stopp. Erinnert euch, so war es damals.“

00:28:53: Das ist auch ein Teil Ihrer jüdischen-

00:28:55: Ja, das ist schwer. Meine Biografie ist ja eine NS-Biografie.

00:28:59: Genau.

00:29:00: Und Exil war ein Teil-

00:29:05: -der Familiengeschichte. -der Familiengeschichte.

00:29:08: Und ich war ja lange Vizepräsident der Gesellschaft für Exilforschung,

00:29:12: habe da viel gemacht,

00:29:14: habe sehr viel mit Exilanten zu tun gehabt,

00:29:17: habe viel über Exil geschrieben.

00:29:22: Gerade das Exil

00:29:24: ist vielleicht leichter zu transportieren,

00:29:27: weil es wir ja wieder durch die Immigration der Menschen,

00:29:32: die wir aufnehmen …

00:29:33: Das ist ja auch Exil,

00:29:36: wenn auch anders gelagert.

00:29:38: Das ist leichter zu transportieren, weil man sagt:

00:29:40: „Das, was die jetzt erleben, haben die damals erleben müssen.“

00:29:45: Wobei:

00:29:47: [unverständlich 00:29:47] sie hätten das erlebt, was die jetzigen erleben.

00:29:50: Juden sind ja erstens, wenn sie es überhaupt konnten,

00:29:55: wenn sie überhaupt rausgekommen sind, was schon eine Kunst war,

00:30:00: und unter Verlust allens,

00:30:04: dann sind sie irgendwohin, wo kein Mensch gesagt hat:

00:30:07: „Sie kriegen jetzt was und wir nehmen sie auf.“

00:30:11: Ich habe gerade unlängst wieder eine Doku gesehen.

00:30:13: Es gab ja erstaunlich viele Juden in Shanghai.

00:30:16: [unverständlich 00:30:17]

00:30:19: Shanghai war ein großes Exilland,

00:30:21: weil China hatte keine Visumpflicht für Juden.

00:30:26: Und es gab in Wien einen chinesischen Konsul,

00:30:32: der das noch ermöglicht hat,

00:30:34: also einen Schindler quasi, einen chinesischen.

00:30:40: Und in Shanghai

00:30:43: müssen Sie sich vorstellen:

00:30:44: Ein 62-jähriger Professor der Philologie, Jude,

00:30:49: mit seiner 60-jährigen Frau steigt vom Schiff und ist in Shanghai.

00:30:54: Ohne Geld, ohne irgendetwas.

00:30:58: -Schwer. -Und ohne Chinesen, die sagen:

00:31:00: „Hey, fein, dass Sie da sind.

00:31:02: Wir werden Ihnen vom Staat jetzt eine kleine Wohnung und so.“

00:31:06: Das war das Exil.

00:31:10: Oder in Bogotá,

00:31:13: in 3.000 Meter Höhe

00:31:16: irgendwo in einer halbindianischen Stadt, wo nichts ist.

00:31:20: Man wollte nur gerettet werden, nicht?

00:31:24: Man hört immer nur von Amerika, die wenig genommen haben.

00:31:27: So ein Glück, wenn man nach Amerika gekommen ist.

00:31:31: Aber es waren ja die unglaublichsten Gegenden,

00:31:34: wo sich die hinflüchten konnten.

00:31:38: Und unter Zurücklassung ja nicht nur des materiellen Vermögens,

00:31:43: sondern unter Zurücklassung

00:31:47: der Muttersprache,

00:31:49: meistens der Eltern, der Verwandten.

00:31:55: Alles, was einen ausgemacht hat.

00:31:58: Wirklich eine völlige Entwurzelung.

00:32:02: Und es haben erstaunlich viele es doch irgendwie wieder einigermaßen geschafft,

00:32:10: aber doch sehr viele sind einfach zugrundegegangen,

00:32:14: sind auch an Heimweh gestorben.

00:32:19: Der Polgar hat einmal geschrieben:

00:32:24: „Und wenn man in der Fremde im Exil stirbt,

00:32:30: auch eines natürlichen Todes,

00:32:33: hat man trotzdem das Gefühl,

00:32:35: eines unnatürlichen Todes gestorben zu sein.“

00:32:37: Mmh.

00:32:40: Oder er hat geschrieben: „Es ist der gleiche Himmel,

00:32:42: es sind die gleichen Sterne,

00:32:44: aber ihre Ausdünstung ist eine andere.“

00:32:47: Und so weiter und so weiter, es gibt sehr viel Literatur über Exil.

00:32:51: Ich habe ein Lexikon der österreichischen Exilliteratur

00:32:56: herausgebracht als Buch.

00:32:58: Da sind Gedichte drin, das hält man fast nicht aus.

00:33:03: Aber wie gesagt, mit dem Exil kann man ein bisschen mehr das erklären.

00:33:08: Das andere kann man nicht mehr erklären.

00:33:10: Das andere ist schwierig,

00:33:11: aber trotzdem muss man es immer wieder erklären.

00:33:14: Und da sind Sie eh-

00:33:15: [übersprechen 00:33:16] Ja, ich bin da viel unterwegs.

00:33:18: Ich habe einmal mit einem Direktor …

00:33:19: Yad Vashem, wissen Sie?

00:33:20: Das ist die Erinnerungsstätte in Jerusalem, die große.

00:33:24: Und da gibt’s europäische Direktoren.

00:33:26: Und mit einem habe ich einmal gesprochen und er hat gesagt:

00:33:28: „Das Schwierige ist:

00:33:30: Wie kriegen wir die Generation noch dazu?“

00:33:37: Und merkwürdigerweise haben sie gesagt: „Nicht über Bilder.“

00:33:40: Ich glaube, man muss die krassesten Bilder schon den Zehnjährigen zeigen,

00:33:45: dass die nach Hause gehen, heulend,

00:33:48: und die Mutter mit ihnen zum Psychiater rennen muss,

00:33:51: weil das gräbt sich dann ein.

00:33:54: Sie lesen auch sehr gerne immer noch, weil Sie sagen:

00:33:57: „Das ist auch eine Art der Entspannung für mich.“

00:33:59: Na ja, da brauche ich nichts hören.

00:34:02: Ich höre kein Hörbuch.

00:34:05: Ich höre kein Hörbuch, nein.

00:34:07: Nein, da bringt man mich nicht dazu, weil ich kann Kollegen nicht lesen hören.

00:34:13: Nicht, weil ich sie schlecht oder was finde,

00:34:15: sondern da höre ich nur:

00:34:16: Da hätte ich das vielleicht ein bisschen anders betont oder so.

00:34:19: -Das halte ich nicht aus. -Okay.

00:34:21: Ich lerne Englisch und mein Englischlehrer hat eine Methode,

00:34:27: mir Bücher zu geben, die es auch als Hörbücher gibt.

00:34:30: Und dann ist die Methode: Ich muss es lesen,

00:34:34: dann muss ich es noch einmal lesen und gleichzeitig hören, das Hörbuch,

00:34:38: und dann muss ich das Hörbuch weglegen und es noch einmal lesen.

00:34:44: Ziemlich mühsam.

00:34:45: Und das Hörbuch: In Englisch geht es einigermaßen,

00:34:49: weil ich da nicht so beurteilen kann, ob es stimmt oder nicht.

00:34:53: Aber es ist ziemlich schwierig.

00:34:56: Aber Sie lernen Englisch?

00:34:59: Ich war humanistisches Gymnasium, das alte,

00:35:01: mit Erste Latein, Dritte Griechisch.

00:35:04: Und ab der Fünften ein bisschen Englisch, aber nur so daneben.

00:35:07: Und weil ich jetzt viel reise,

00:35:10: kann ich zu wenig Englisch und ich muss Englisch lernen.

00:35:14: Und wohin geht’s? Was sind die nächsten Reisen?

00:35:18: Wir waren in der Arktis,

00:35:21: auf Spitzbergen, sind rundherum gefahren.

00:35:23: Dann waren wir in der Antarktis,

00:35:27: auf den Falkland-Inseln,

00:35:29: in Südgeorgien, das kennt niemand.

00:35:31: Das ist zwischen Falkland und Antarktis.

00:35:36: Ist ein riesiges Inselarchipel,

00:35:39: wo ganz urig noch die Tiere leben und so.

00:35:44: Südamerika war halt da dabei.

00:35:50: -Wo war ich noch? -Wo geht’s 2026-

00:35:52: -Japan waren wir. -Oh. Wo geht’s 2026 hin?

00:35:57: Das wissen wir noch nicht,

00:35:59: weil wir ein altes Hündchen haben.

00:36:01: Und das können wir nicht mehr jemandem geben.

00:36:04: Und jetzt müssen wir warten,

00:36:06: bis das alte Hündchen nicht mehr da ist.

00:36:09: -Und dann- -Und dann können wir wieder reisen.

00:36:11: Dann möchte ich gerne Australien,

00:36:18: dann über die Südsee,

00:36:21: Marquesas,

00:36:24: nach Hawaii, von Hawaii an die Westküste.

00:36:30: Dann über San Francisco vielleicht noch bis State Washington.

00:36:34: Also, das sind Pläne.

00:36:38: Wenn ich es noch da höre.

00:36:41: -So schöne Reisen. -Ja.

00:36:44: -Vielen Dank für das Gespräch. -Danke.

00:36:46: Miguel Herz-Kestranek, vielen Dank.

00:36:48: Wir haben wieder sehr viel übers Thema Hören erfahren.

00:36:51: Schauen Sie rein, klicken Sie in das eine oder andere Hörgespräch rein,

00:36:54: Sinnvolles aus dem Leben, und wir freuen uns,

00:36:56: Sie das nächste Mal wiederzuhören oder beziehungsweise besser wiederzusehen

00:37:00: bei den Hörgesprächen, egal, wo Sie uns finden.

00:37:02: Sie finden uns.

00:37:04: Passen Sie gut auf Ihre Ohren auf. Auf Wiederhören.

00:37:06: Zum Schluss: Persönliches über das Hören.

00:37:10: Welches ist Ihr Lieblingsgeräusch?

00:37:14: Vielleicht,

00:37:17: wenn ich aufwache

00:37:20: und den See höre

00:37:23: und weiß, welches Wetter ist, weil ich es am Seegeräusch erkenne.

00:37:28: Welche Musik macht Sie glücklich?

00:37:32: Jede.

00:37:34: -Wirklich? -Die, die ich gerade höre.

00:37:37: Welche Botschaft haben Sie an unsere Zuseher?

00:37:41: Lernen Sie Zuhören.

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